Dynamische Urteilsbildung in der Mediation


Die Dynamische Urteilsbildung ist ein Modell, das zeigt, wie Urteile idealerweise gebildet werden und welche Aspekte berücksichtigt werden müssen, damit fundierte, ausgewogene Urteile entstehen können. Es handelt sich dabei um Beurteilungen jeder Art.

Die Mediation, durch die die Konfliktbeteiligten eine einvernehmliche Regelung gestalten, ist ein umfangreicher Urteilsbildungsprozess, der bei jedem/r Beteiligten mehrere einzelne Urteilsbildungen umfasst (z.B. Was findet jede der Parteien gerecht? Wie möchte jede der Parteien leben? usw.). In diesem Prozess kann die Dynamische Urteilsbildung Grund legend wirken.

Der Artikel beschreibt die Herkunft der Dynamischen Urteilsbildung und ihre wesentlichen Charakteristika und die Erfahrungen der Verfasserin bei der Anwendung der Dynamischen Urteilsbildung in der Mediation.

I. Woher kommt die Dynamische Urteilsbildung?

Die Dynamische Urteilsbildung wurde von dem niederländischen Soziologen und Organisationsentwickler Dr. Alexander H. Bos entwickelt, der im Sommer 2006 im Alter von 81 Jahren verstorben ist.

In den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begann Dr. Bos zu untersuchen, wie Urteile (Beurteilungen, Erkenntnisse, Entscheidungen) in Gruppen entstehen.

Nach siebenjähriger Forschung konnte er das Modell der Dynamischen Urteilsbildung vorlegen, das menschenkundliche Erkenntnisse Rudolf Steiners berücksichtigt.

Die Dynamische Urteilsbildung kann mit großem Gewinn beruflich wie privat von Einzelnen und Gruppen bei Urteilsbildung, Entscheidungsfindung und Selbsterkenntnis sowie in Kommunikation und Gesprächsführung, in Coaching, Supervision und Mediation und in der Organisationsentwicklung angewendet werden.

Was ist wesentlich für die Dynamische Urteilsbildung?

Vier Charakteristika sollen hier besonders betont werden.

1. Die Dynamische Urteilsbildung ist ein Frageweg. Der Urteilsbildungsprozess beginnt mit der Zentralen Frage, die einen einzelnen Menschen oder eine Gruppe von Menschen besonders bewegt.
D.h., das Problem der Person oder Gruppe wird als Frage formuliert. Denn eine Frage entfaltet viel mehr Interesse und Dynamik als die Schilderung eines Problems. Mit den Worten von Alexander Bos gibt eine gute Frage: Ausgehend von der Zentralen Frage werden an die betreffende Person oder Gruppe Fragen gestellt. Aber welche Fragen?

2. Die Dynamische Urteilsbildung berücksichtigt, dass wir Menschen fünf Grundfähigkeiten haben, von denen wir im Wachzustand mindestens eine immer betätigen: Wahrnehmen, Denken, Fühlen, Wollen und Handeln.
Mit unseren Sinnen nehmen wir Tatsachen wahr, ordnen sie mit unserem Denken und ziehen unsere Schlüsse und Erkenntnisse daraus.
Wir fühlen: Freude und Leid, Sympathie und Antipathie, Zufriedenheit und Ärger usw. Unsere Gefühle zeigen uns, wie wir auf Menschen, Situationen, Verhältnisse und unsere Vorstellungen reagieren.
Mit dem Willen streben wir nach Zielen, die wir durch unser Handeln verwirklichen können bzw. zu verwirklichen suchen.

Den Grundfähigkeiten entsprechen fünf verschiedene Bereiche: Zur Wahrnehmung gehört das Feld der Fakten, zum Denken das Feld der Begriffe (d.h. auch Sichtweisen, Theorien, Gedankensysteme), dem Fühlen entspricht der Bereich der Gefühle, zum Wollen gehört das Feld der Ziele und dem Bereich des Handelns entsprechen schließlich Mittel und Wege.

Innerhalb der Grundfähigkeiten und ihrer entsprechenden Bereiche lässt sich eine sinnvolle Ordnung erkennen:

Wer etwas verstehen möchte (z.B. ein Phänomen, eine Situation, einen Menschen), wird mithilfe seiner Sinnesorgane Fakten wahrnehmen und darüber nachdenken, sich Theorien bilden und schließlich zu einer Erkenntnis gelangen.
Wer etwas verändern möchte, wird sich nach seinen Zielen fragen und prüfen, mit welchen Mitteln er sie erreichen kann.
In der Mitte dieser Polarität von Erkenntnis des Entstandenen und Veränderung des Bestehenden liegen die Gefühle, die durch die anderen vier Bereiche ausgelöst werden.



3. Bei den Gefühlen beginnt daher auch der Dynamische Urteilsbildungsprozess. Denn die bewusste Wahrnehmung eines Phänomens, einer Situation usw. (z.B. eines Regenbogens) kann ein Staunen auslösen, und aus dem Staunen entsteht der Wunsch, das Phänomen zu begreifen.
Ebenso kann bewusste Wahrnehmung von irgendetwas (z.B. man erlebt einen Streit) ein Gefühl der Beklemmung auslösen und den Wunsch nach Aktion, nach Veränderung.
Das Gefühl bestimmt die zentrale Ausgangsfrage, durch die die Urteilsbildung angestoßen wird.
Auf ein Staunen kann die Zentrale Ausgangsfrage lauten: Wie ist das möglich? Oder: Wie konnte das entstehen? Aus welchen Gründen ist das so geworden? usw.
Das Gefühl der Beklemmung kann zu folgenden Ausgangsfragen führen: Was müssen wir tun, damit so etwas nicht mehr entsteht? Oder: Wie können wir unsere Angelegenheiten besser regeln? usw.

Zu der in der Mitte bei den Gefühlen liegenden Zentralen Frage folgt nun der Frageweg der Dynamischen Urteilsbildung, indem von allen Bereichen Fragen gestellt werden, die im Kontext der Ausgangsfrage stehen. 2



Wichtig ist, dass von allen Feldern her gefragt wird, dass also auf ein ausgewogenes Verhältnis der Felder geachtet wird. Erst die Gesamtschau spiegelt, was für den wahrnehmenden, denkenden, fühlenden, wollenden und handelnden Menschen wichtig ist.
Eine bestimmte Reihenfolge der Fragen ist nicht vorgegeben; der Frageweg verläuft im freien Schwingen durch die Felder, so wie es sich von Frage zu Antwort und von Antwort zu Frage ergibt.

4. Die Dynamische Urteilsbildung führt immer wieder durch den Kreuzungspunkt und damit wird auch die Zentrale Frage immer wieder berührt. Diese kann sich dabei verändern, in eine andere Ebene verlagern und immer konkreter werden. Ist schließlich die Kernfrage herausgeschält, ist die Antwort meist schnell gefunden, das Urteil gebildet.

Das Modell ist also zweifach ganzheitlich:
  1. Alle für eine menschengemäße Beurteilung wesentlichen Kriterien werden berücksichtigt.
  2. In der Vergangenheit liegende Aspekte (Wie konnte es so werden?) werden ebenso einbezogen wie zukünftige (Wie soll es werden?) und gegenwärtige (Wie lautet die Zentrale Frage jetzt? Und: Wie ist das Gefühl jetzt?).
II. Welches sind meine Erfahrungen mit der Dynamischen Urteilsbildung in der Mediation?

Ich bin seit 22 Jahren Rechtsanwältin und praktiziere seit 12 Jahren als Mediatorin. Nach meiner fundierten Ausbildung in Familienmediation bei Gisela und Hans-Georg Mähler hatte ich den Wunsch, meine Fähigkeiten in der Gesprächsführung zu stärken. Ich besuchte einen Grundlagenkurs in Dynamischer Urteilsbildung bei Lex Bos und erlebte begeistert, dass ich nicht nur eine Methode der Gesprächsführung, sondern ein ganzheitliches Urteilsbildungsmodell für mein Privat- und Berufsleben entdeckt hatte.

Mir wurde bewusst, dass wir ständig urteilen, häufig ohne es überhaupt zu bemerken oder ohne die Grundlagen unserer (Vor-)Urteile zu kennen: Denkgewohnheiten, übernommene Meinungen und persönliche Vorlieben. Da jedoch unsere Beurteilungen von heute unsere Wirklichkeiten von morgen bestimmen, ist es sinnvoll, Aufmerksamkeit und Sorgfalt auf die Urteilsbildung zu verwenden.

Schon nach dem ersten Grundlagenkurs fiel mir auf, dass sich meine Fähigkeit, Fragen zu stellen, verbesserte. Mein inhaltlicher Fragenschatz vergrößerte sich. Je mehr Fragen mir zur Verfügung standen, desto mehr wuchs mein Interesse an den Konfliktbeteiligten und ihren Anliegen. Außerdem gab und gibt mir die Kenntnis der Dynamischen Urteilsbildung Sicherheit in der Mediationsausübung: Die fünf grundlegenden Bereiche bilden den stabilen Boden für das Mediationsverfahren. Ein Feld beleuchtet, erhellt das nächste, z.B: Durch Fragen aus dem Faktenfeld kann ich herausfinden, ob die Interpretationen und Bewertungen eine ausreichende Grundlage haben. Mit Fragen nach Fakten und Sichtweisen kann geklärt werden, ob die vorhandenen Mittel realistisch sind, bzw. dem jeweiligen Fairnessgefühl entsprechen usw.

Mittlerweile praktiziere ich mit der Dynamischen Urteilsbildung Mediation mit Paaren und Gruppen und begleite Einzelne und Gruppen auf ihrem Entwicklungsweg. Dabei stelle ich regelmäßig fest, dass ein gelungener Urteilsbildungsprozess Das Modell der Dynamischen Urteilsbildung wende ich in der Mediation folgendermaßen an:

1. Vor und nach den Sitzungen zur eigenen Reflexion
     a. über meine Haltung den Parteien gegenüber
     b. über den Prozess und die Beziehung der Konfliktbeteiligten untereinander

2. Während der Mediationssitzungen
     a. um den Konfliktbeteiligten und mir selbst deutlich zu machen, was in prozessualer
         und/oder gruppendynamischer Hinsicht gerade geschieht
     b. als Gesprächsführungsmethode.

Zu 1.a: Ich befrage mich von den Feldern her z.B. zu meiner Neutralität: Was haben die Parteien gesagt? Wie habe ich innerlich darauf reagiert? Liebäugele ich mit einem bestimmten Ergebnis? Wie kann ich meine Neutralität deutlich machen? etc.

Zu 1.b: Durch Fragen von den Feldern strukturiere ich den Prozess: z.B: In welcher Phase des Prozesses befinden wir uns? Was ist wichtig für diese Phase? Was soll in dieser Phase erreicht werden? Was benötigt diese Phase jetzt? Was muss ich tun? etc. 3

Zu 2.a: In meinen Praxisräumen hängt ein Modell der Dynamischen Urteilsbildung (Graphik s.o.). An dem Modell zeige ich den Konfliktbeteiligten, was prozessual oder gruppendynamisch zwischen ihnen gerade geschieht, d.h. ich mache sie anhand des Modells z.B. darauf aufmerksam, dass sie sich gerade auf dem Feld der Sichtweisen (=Begriffe) miteinander streiten und frage sie, ob dieser Streit ihr Ziel ist und ob sie damit fortfahren möchten oder welches Ziel sie sich sonst gesteckt haben für diese Sitzung.

Zu 2.b: Als Gesprächsführungsmethode nutze ich die Dynamische Urteilsbildung, um die Beteiligten von den Feldern her zu befragen und ihre Antworten auch von den Feldern zusammenzufassen. Außerdem können Vorurteile und Blockaden (z.B. ein verfestigter Standpunkt) durch Fragen in Bewegung gebracht werden. Auch kann fruchtlosen Diskussionen vorgebeugt werden, indem das Feld rechtzeitig verlassen wird: z.B. kann eine wertende Sichtweise durch Befragen vom Faktenfeld her relativiert werden. 4
Ferner kann ich den Klienten die unterschiedlichen Qualitäten der einzelnen Felder und Lebensbereiche verdeutlichen und erlebbar machen und damit den Mediationsprozess voranbringen.

Auf jedem dieser vier Gebiete schafft das Modell Ordnung. Im Grunde ist die Arbeit mit der Dynamischen Urteilsbildung eine umfangreiche „Aufräumaktion“. Es wird den Beteiligten ganz deutlich gezeigt, was echte Tatsachen und was demgegenüber die Interpretationen der Parteien sind. Oder, dass das von einer Person scheinbar verfolgte Ziel in Wirklichkeit nur ein Argument (=Mittel) zur Erfüllung eines (ihr selbst vielleicht noch unbekannten) Bedürfnisses war. 5
Die ordnende Wirkung schafft Klarheit für die Konfliktbeteiligten und die Mediatorin und damit Entlastung der Beteiligten und des Prozesses. Es ist immer wieder beeindruckend, wie sich die Beziehungen der Konfliktbeteiligten allein durch diesen Prozess des Ordnung Schaffens verbessern. Sie beginnen dann oft selbst, einander wertfreie Fragen zu stellen.

Die Urteile werden auf bewegliche Weise gebildet. Im gelungenen Dynamischen Urteilsbildungsprozess entsteht eine lebendige Ordnung. Vielleicht wird der Dynamische Urteilsbildungsprozess deshalb (sogar in Medationen) häufig als belebend und kräftigend, manchmal als erfrischend empfunden.
Die Beteiligten fühlen sich danach meistens klarer in ihrem Denken, befreiter von Emotionen und motivierter, Entscheidungen zu treffen und zu handeln. Eine Dynamische Urteilsbildung kann begeistern und beflügeln.

Was mir noch zum Abschluss wichtig ist!
Das Modell der Dynamischen Urteilsbildung ist leicht einzusehen und leicht ist nachzuvollziehen, wie hilfreich es sein kann, die Urteilsbildung bewusst auf die fünf Aspekte menschlicher Grundfähigkeiten zu gründen. Ihre heilsame Wirkung entfaltet die Dynamische Urteilsbildung allerdings erst im praktischen Tun. Sie will eingeübt und verinnerlicht werden.
Durch diese Ausführungen konnte deutlich werden, dass das Wesen der Dynamischen Urteilsbildung u.a. darin besteht, Fragen zu stellen. Die Dynamische Urteilsbildung ist jedoch keine Technik, sondern kann der Wahrheitssuche dienen und sie kann, wenn mit echtem Interesse gefragt wird, zu einer Fragekunst werden.



Gabriele Zimmermann im Februar 2007


  1. Da sich die Gefühle während des Urteilsbildungsprozesses ständig verändern können, erfahren sie eine Sonderbehandlung, auf die in dieser Einführung nicht eingegangen werden kann. S. dazu Lex Bos, Urteilsbildung
  2. Lex Bos, u.a. in Fragebaken, S. 30
  3. Ausführlich: Gabriele Zimmermann, Marjolein Thiebout in Dynamische Urteilsbildung, Haupt Verlag Bern 2005 S. 319 ff
  4. Ausführlich ebenda, S. 330 ff
  5. a.a.O. S.331 f


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